Von langen Nächten und langen Beinen – The Night Manager

Ich mag Spionage-Geschichten ausgesprochen gerne. Im Bücherregal meiner Oma gab’s Der Spion der aus der Kälte kam und dieses Buch fand ich schon sehr toll bevor ich überhaupt wusste, dass John Le Carré zur allerersten Riege der Spy-Novel-Autoren gehört. Ich hab lange nichts gesehen, was so spannend und mitreißend inszeniert ist und trotzdem ohne überbordendes Drama auskommt wie The Night Manager (Amazon Prime). Die Briten können Fernsehen und vor allem Crime sowieso sehr gut, der Gentleman-Spion funktioniert dank James Bond aus dem Stand und die grandiose Besetzung tut ihr übriges.
Ein seit Dr. House deutlich gealterter aber immer noch sehr suave Hugh Laurie gibt den Villain in dessen spektakuläre Lebensumstände wir ausführlich Einblick nehmen dürfen. Als mehr oder weniger freiwillige Frau an seiner Seite sehen wir die wunderbare Elisabeth Debicki ihre wahnsinnigen Beine in wahnsinnigen Outfits spazieren tragen. Olivia Colman wie immer sensationell in der Rolle der getriebenen Hinterfrau am Schreibtisch und schließlich Tom Hiddleston. Den kannte man vorher irgendwie noch nicht wirklich und das trägt dann natürlich sehr dazu bei, dass man ihm den gesichtslosen Ex-Soldaten, der als Nacht-Portier ein möglichst unauffälliges Leben zu führen versucht, ohne Probleme abnimmt. Eben dieser Night Manager befindet sich also zur falschen Zeit am richtigen Ort und wird ob dieses glücklich/unglücklichen Umstandes und seines Talents zur Unauffälligkeit in den Dienst Ihrer Majestät berufen. Es folgt ein Feuerwerk an perfekt inszeniertem Versteckspiel, das meisterhaft immer und immer wieder an seine Grenzen getrieben wird und sowohl Spion wie auch Zuschauer atemlos von Folge zu Folge bis zum fulminanten Finale hetzt.
Außerdem gibt’s noch wahnsinnig malerische Schauplätze, perfekt requisierte Locations und einen Vorspann, der einem Bond-Film wahrlich zur Ehre gereichen würde. Wer ein verregnetes Wochenende oder den ein oder anderen Herbst- oder Winterabend füllen möchte, dem kann ich dieses spannungsgeladene Meisterwerk nur nachhaltig ans Herz legen.

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Bosch und Botox-freie Stirnpartien

Das was aus der zweiten Staffel Bosch (Amazon Prime) tatsächlich am meisten Eindruck bei mir hinterlassen hat, war die erstaunliche Abwesenheit von Botox in den Gesichtern der weiblichen Darstellerinnen. Das soll jetzt nicht bedeuten, dass der Rest so unspektakulär war, das war er absolut nicht, dazu gleich mehr. Es ist aber eine deutliche Erwähnung wert, dass die Frauenfiguren sehr Hollywood-untypisch weder betont jung noch betont jung-gemacht sind. Es gibt diesen Twitter-Account, der weibliche Rollenbeschreibungen aus Film-Skripten veröffentlicht, um Aufmerksamkeit zu generieren für die wohl recht stereotype Art, wie Frauen in Film und Fernsehen vorkommen (dürfen). Da fällt Bosch für mich raus und das macht die Serie noch mal sehenswerter als sie sowieso schon ist.
Eins vorweg, Staffel 1 ist nochmal eindeutig mehr gelungen als Staffel 2. Vor allem so ab der Mitte, gibt’s das ein oder andere Plausibilität-Problem. Das fällt aber eigentlich nur deswegen so sehr auf, weil der Rest so gut funktioniert. Titus Welliver – oder für mich James ‚Jimmy‘ O’Phelan, der eiskalte irische IRA-Kingpin aus Sons of Anarchy – spielt die Titelfigur Hieronymus ‚Harry‘ Bosch mit nonchalanter Hingebung und hat dabei den leicht angegrauten Sex-Appeal eines Sean Connery, also finde ich zumindest.
Der Handlungsbogen spannt sich in Folge 1 direkt recht unmittelbar auf und führt uns im Laufe der Staffel durch ein Gewebe aus vier Kriminalfällen, das Vergangenes mit Gegenwärtigem auf meisterhafte Weise vermischt. Man merkt, dass die Romanvorlage was kann. Game of Thrones hat vorgemacht, dass man auf ein gutes Buch durchaus noch was drauf setzen kann. Staffel 1 tut dies sehr gelungen. Staffel 2 kann da nicht zu hundert Prozent mit. Aber weil man Harry und sein Universum bereits lieb gewonnen hat, kann man da ganz gut drüber weg sehen. Ich hoffe allerdings, dass die Autorenrunde für Staffel 3 vielleicht wieder ein paar mehr Überstunden einlegt oder was auch immer man tun muss, um an alte Erfolge anzuknüpfen.
Ich will mich zur Handlung hier aus Spoiler-Gründen nicht wirklich äußern, das ist im Grunde bei Detektiv-Geschichten eh immer dasselbe. Jemand ist tot, jemand soll herausfinden warum, der Zuschauer darf mitraten und findet so gemeinsam mit dem Ermittler mehr oder weniger geradlinig den Täter. Es geht also weitaus weniger um das Was als um das Wie.
An dieser Stelle kann ich vielleicht kurz einwerfen, dass ich schon immer ein Faible hatte für gealterte Helden, die ihren Zenit eigentlich schon überschritten haben. Dieses „Scheißegal ich hau noch mal drauf“-Sentiment mag ich schon mal grundsätzlich sehr gerne. Das Gefühl, der Protagonist ist eigentlich schon mit einem Fuß aus der Tür generiert direkt eine grandiose Dringlichkeit und sorgt aus dem Stand für ein ordentliches Tempo. The Killing benutzt dieses Stilmittel zum Beispiel auch unfassbar gewinnbringend. Überhaupt gibt es so vom Vibe und von der Handlungsarchitektur einige Parallelen zwischen Bosch und Sarah Linden. Beide werden von diesem Job geradezu verschlungen, beide sind eigentlich entschiedene Einzelgänger, haben massive Bindungsprobleme und kämpfen mit ihrer Elternrolle, beide werden verfolgt von Vergangenem und beide sollten eigentlich gar nicht zu der Zeit an der Stelle sein, wo ein neuer Fall mit neuen Komplikationen plötzlich zur einzigen Daseinsberechtigung zu werden scheint. Wo in The Killing Seattles durchgehendes Regenwetter Unbehagen verbreitet, hat man in Boschs L.A. ständig das Gefühl unangenehm von der Sonne geblendet zu werden und für die Temperaturen viel zu warm angezogen zu sein. Wer es jetzt noch nicht verstanden hat, der Protagonist hat Probleme. Obendrauf noch ein verwobener Kriminalfall mit Sackgassen und Fallstricken und einige Stunden an Premium-Fernsehunterhaltung sind perfekt.
Bosch ist für mich eine der besten Serien, die ich seit langem gesehen habe. Einer der Gründe, warum sich Amazon Prime schon irgendwie lohnt. Und zusätzlich gibt’s tolle weibliche Charaktere, obwohl oder vielleicht auch gerade deswegen, weil der tragische Held ein Mann ist.
Ach, und der Vorspann, den muss man noch erwähnen, der ist nämlich auch sehr gut gemacht.